
Zeit ist die vierte der Dimensionen. Punkt.
So einfach ist das. Könnte es sein, ist es aber nicht.
Über die Zeit und ihre Dimension denken wir weit mehr nach. Nicht nur mit dem Kopf, sondern auch emotional.
Denken wir über die erste Dimension nach ? Täglich ? Emotional ? Nein. Obwohl sie doch den Punkt berührt. Den berühmten Punkt, auf den man doch eigentlich alles bringen soll, kann. Der Punkt, der immer der entscheidende ist. Der Punkt, an dem es einen am meisten berührt.
Über die zweite Dimension ? Die Linie, die gerade, die ungerade ? Die bodengängig sich erstreckt und doch dem Weg gleicht, den wir nehmen ? Welcher der richtige oder der falsche ist ? Die Linie, die unsichtbar und dennoch nachhaltig spürbar die Beziehungen prägt, wenn sie sich nicht als "gradlinig" in ihrem Charakter beschreiben lässt ?
Über die dritte der Dimensionen ? Obwohl sie doch den Raum erfasst, den wir brauchen. Für uns. Manchmal, wenn uns die Arbeit, der Stress, die Dinge, der Partner, die Familie zu sehr auf die Pelle rücken ? Den wir brauchen, um uns zu entfalten und zu entwickeln ? Nein, in diesen Dimensionen sprechen wir kaum. Denken, fühlen allenfalls intuitiv so, ohne sie mit den drei Dimensionen zu vergleichen.
Anders mit der Zeit. Ganz anders. Sie ist essentieller und existenziell. Am Anfangs- und Endpunkt unseres Denkens und Fühlens.
SIE umfängt dieser Ehrentitel einer Dimension wie ein kostbares Kleid, in dem sie erst richtig bewusst wird. Wenn ich auf ihren Wert angesprochen diesen beschreiben sollte, dann fallen mir auch flugs viele Situationen ein, in denen einem nicht so sehr die Zeit selbst abstrakt bewusst ist, sondern die Emotionen. Emotionen, die sich daran knüpfen, dass die Zeit begrenzt ist. Wenn einem bewusst wird, dass sie es ist. Wenn wir sie mit einem Menschen verbringen, den wir besonders gern haben, den wir (zu) selten sehen.
Wie schon Wilhelm Busch sagte: "Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in denen wir lieben."
Wenn die Relativitätstheorie einem chemisch in den Fasern spürbar zu machen scheint, dass die gleiche Zeit endlos lang wird, wenn wir auf jemanden warten und kaum fassbar kurz und schnell durch die Finger zu gleiten scheint, wenn wir sie mit diesem Menschen verbringen und er schon viel zu schnell wieder gehen muss oder zurückbleibt, wenn sich hinter einem selbst eine Zugtüre schliesst oder der letzte Aufruf zum Boarding erklingt.
Wie nachhaltig vierdimensional kann eine Stunde sein, die man am Flughafen wegen "Delay" des Fluges verbringen muss:
Weil man in Venedig weit besser eine Stunde zu verbringen wüsste und sie umso vergeudeter auf dem Stuhl in der Boarding Lounge empfinden könnte.
Nun,...zumindest, so lange und wenn man dort allein sitzt.
Sie kann erheblich kürzer wahrgenommen werden, wenn der andere Part des Duetts auf den Wartestühlen Schmetterlingsdompteur ist, der eben diese flatterhaften Wesen zum Tanzen bringen kann - vor allem in der Magengrube und dieser nahegelegenen anatomischen Gegenden, die auch sonst für den richtigen Pulsschlag sorgen.
Ungleich länger kommt einem auf demselben Wartestuhl die Zeit sicher vor, wenn man mit jenem Schmetterlingsdompteur bereits die Silberhochzeit hinter sich hat und eben jene nachgeholte und nun am Flughafen endende Hochzeitsreise nur noch eines an Flattern denken lässt,...wie ER oder SIE die Flatter machen könnte....ein für allemal und nicht nur mit dem nächsten Flieger, der eh schon "Delay" hat,...oder wenigstens SIE oder ER und ihre "Gedanken" zu jemand anderem flattern. Unsichtbar. Aber spürbar. Im Grunde für beide, die da auf dem Warteplatz in der Lounge sitzen und die selbst nach "boarding completed" nicht nur sitzen- sondern stehen geblieben sind und nicht mehr wirklich gemeinsam abheben und fliegen werden, sondern irgendwie jeder für sich, auch wenn sie nebeneinander gebuchte Plätze behalten. Diese und andere. Auch wenn keiner von beiden es sich selbst oder dem anderen gegenüber ausspricht. Worauf es nicht mehr wirklich ankommt, weil eh schon alles zu spät ist. Wenn sie weiterhin nur die Zeit zum Warten verwenden.
Und dann gibt es da noch DIE Stunde Delay am Airport von Venice, in der über alle Dimensionen hinweg die Zeit stehen bleibt - und doch am meisten in Bewegung bringt.
Wie vor ein paar Jahren für diese junge Frau, die etwas abseits von den anderen Wartegästen sass, ...sichtlich auch in Gedanken weit weg. Man kann es ihr am Gesicht ablesen: Venedig ist weit weg. Die Menschen um sie herum. Eine ganze Zeit lang. Dann strafft sie die Schultern durch, streckt sich und mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck wählt sie eine Nummer auf dem "cellulare", dem Handy, das sie die ganze Zeit in ihren Händen gehalten hat und führt es an ihr Ohr. Angespannt, man kann fast das Klingeln des Freizeichens über die Wartelounge hinweg hören.....die Zeit dehnt sich. Scheinbar.
Doch der Sekundenzeiger der Uhr über ihr an der Wand hat gerade 7 Sekunden Weg hingelegt.
Drei- und vierdimensional.
Im gleichen Moment wechselt ihr Gesichtsausdruck - schien sie noch für den Moment schier den Atem angehalten zu haben, ist für einen Bruchteil der Sekunde die Zeit atemlos. Der schöne entschlossene Plan, die wohl zurecht gelegten Worte, Sätze ? Sichtlich ausgebremst, bevor sie sie sagen kann. Ihr Blick wechselt von Anspannung, Entschlossenheit in Verletzlichkeit, Verletzbarkeit,.... wird weicher, der Blick, die Pupillen dunkler. Fast wagt man nicht zuzusehen, zu intim, zu verletzbar die Situation, die Gefühle, die sich widerspiegeln. Man fühlt sich als Voyeur, fürchtet, sie könnte sich ertappt, beobachtet fühlen, wenn ein anderer sie sehen könnte. Ich versuche, woanders hinzusehen, blicke durch die hohe Glaswand nach draussen zu den Maschinen, die dort an den anderen Gates warten. Aber der Blick wird wieder zurückgezogen. Auch ohne zu hören, was sie sagt, verraten der Klang ihrer Stimme, erst entschlossen, schutzwallgebürstelt, dann sprachlos,....und nach einer Pause, dann weicher werdend, ... verletzlich, sehr leise, warm -- alles, was auch der Blick und ihre Augen unvergleichbar intensiv sagen.
Und man weiss und spürt, dass diese Stunde Delay ganz schlicht der Kosmos zwischen zweien jenseits aller Dimensionen ist.
Ohne Rücksicht auf die (Flug)Linie der Entfernung zwischen den beiden Eckpunkten von Abflug und Arrival. Ohne Rücksicht auf den Raum, der manchmal eben den falschen Dingen an Bedeutung zugestanden und zugemessen wird. Ohne Rücksicht auf den Punkt, auf den sich in ihren Augen (und denen am anderen unsichtbaren Ende des cellulare) alles bringen lässt.
Dann ist unüberspürbar:
Es gibt eine fünfte Dimension.
Wie Fontane sagte "Uns gehört nur die Stunde. Und eine Stunde, wenn sie glücklich ist, ist viel."
Endlos lang werden Tage, an denen man auf die ersehnte Entscheidung des Chefs über eine Besetzung der begehrten besseren Stelle oder einer Firma nach Deiner Bewerbung warten muss, aber verteufelt schnell rennt der Zeiger während der Prüfungen im Examen, die uns dafür qualifizieren sollte. Und ein Klassiker der Assoziationen ist die Auseinandersetzung mit der Zeit beim Blick auf die eigene Lebenszeit und was wir uns wünschen und wann wir darüber (überhaupt) nachdenken.
Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Freund bei einem Besuch über eine gerade hinter ihm liegende Beziehung. Die Trennung und ein paar Dinge, die ihr voraus gingen, waren teilweise gar nicht mal so ideal und hübsch gewesen, die Dame war - soweit ich das beurteilen konnte - milde formuliert ein wenig "zickig". Dennoch : Die Schilderung war lebendig, frisch, warm, wenn er über die Gefühle sprach, die ihm in diesen knapp 4 Wochen vermittelt worden waren, ...... und ich musste dabei daran denken, wie viele Jahre er mir immer und immer wieder nach wie vor traurig und bedauernd über seine viele Jahre dauernde Liebe zu einer anderen erzählt hatte. Die hatte ein paar Jahre gedauert, war schon seit 10 Jahren beendet. Innerlich gelöst schien er nie davon. Das hat etwas Schönes [schliesslich wäre es nun mal schöner, wenn nach Trennungen nicht nur bittere Ansichten blieben], aber bei ihm auch etwas unfreies.
Für einen Moment dachte ich, in Martin steckt halt ein bisschen Grillparzer : "Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch." Das passte auf ihn, der eine besondere Affinität zur Philosophie hat, durchaus nicht schlecht und auf die lange zurückliegende Beziehung ebenso wie auf die nur kurze, soeben beendete. Denn vielleicht waren diese 4 Wochen einfach nur dafür da, um genau das zu zeigen: auch in einer kurzen Zeit kann soviel spürbar werden, dass endlich auch etwas lange beendetes nicht mehr so schmerzhaft als Verlust nachwirken muss und wie ein nicht erreichbares Ideal anderen neuen Begegnungen im Wege steht. Eine kurze Phase aus der 4. Dimension macht quasi den Weg in alle Richtungen ( - ein Element der dritten Dimension - ) frei.
Da ist es wieder: Zeit hat immer etwas mit Abschiednehmen zu tun.
Und beim Abschied nehmen wird sie auch am meisten bewusst. Abschiede schmerzen, wenn uns etwas oder jemand wichtig ist. Sie schmerzen manchmal auch, wenn wir spüren, dass jemand und etwas uns nicht mehr wichtig ist. Verletzbar, verletzlich - beides ist dann spürbar. Und die Schwester dieser Verletzlichkeit ist fast immer das Bewusstsein, über eine Zeitschwelle zu treten, der kurze verletzliche Moment der Zeit zwischen "Es war" (schon wieder vorbei ? viel zu kurz ? nicht mehr, als ....? ) und "was wird nun?" Dieses Bewusstsein der Zeit ist dann immer präsenter, weit mehr, als bei den Begrüssungen.
Warum mir bei jenem Freund die Zeit aber zunächst in den Sinn kommt ? Eines der Dinge, die ihn in den 4 Wochen mehr und mehr gekränkt hatten, war ihre stete Unpünktlichkeit bei Verabredungen mit ihm gewesen. Nicht nur 5 Minuten, oder 10. Und nicht nur das akademische Viertel, sondern gut und gerne 3/4 bis ganze Stunden. Sein vorsichtiger Versuch, ihr das zu sagen, wurde quittiert mit der Erklärung, im Job müsse sie das sein, privat eben nicht. Wir wissen alle, dass nun die Nadel unter den Nackenhaaren oder sonstwo unter dem Fell sitzt und piekst, dieser Dame zu entgegnen: "Dann nimmst Du mich also weniger wichtig, als Deinen Job oder die Leute, denen Du dort pünktlich begegnest ?"
Wir lassen einfach mal beiseite, dass wir nun heiter(selbst)ironisch den-Spott-gar-nicht-drosseln könnten über die Vorrechte der Frau, dies zu tun, die Erwartungen und gern gepflegten Klischees von Männern, dass wir so seien, dann auch nicht enttäuschen und also eben diese erfüllen müssten und natürlich immer ein bisschen mit der Zeit in der Weise gehen (müssen), dass wir uns an den schon weit fortschreitenden Zeiger halten beim Gehen - manchmal bis wir Adam damit buchstäblich auf den Zeiger gehen. Lassen wir auch beiseite, dass es höchstfraglich sei, ob Adam sich beziehungstaktisch darüber überhaupt beklagen dürfe. Zumindest nicht hörbar verbal. ;-) Lassen wir diesen Gedanken beiseite, ob er das also hätte sagen dürfen. Er hat es eben. Diplomatie hin oder her, sie versagt in Liebesdingen ohnehin, wenn wir mal ganz ehrlich sind, oder ?
Zum Trennungsgrund wurde es nicht. Es gibt Verhaltensweisen von Frauen an Zickigkeit, bei denen ich aber dann - auch in seinem Fall - denken muss: Hätte er doch diese Unpünktlichkeit und Missachtung seiner Zeit als Trennungsgrund genommen ! Verdient hätte sie es eh (aus mehreren Gründen). Und ungeachtet der Wärme, die er aus diesen 4 Wochen an Emotionen und emotionalen Erfahrungen mitnahm, sass dieser Stachel der Kränkung durch ihre stete Unpünktlichkeit hindurch eben doch. Denn :
"Meine Pünktlichkeit drückt aus, dass mir Deine Zeit ebenso kostbar ist wie meine."
Oder - wie eine Freundin es einmal ausdrückte, der es ähnlich ging - auf den Punkt gebracht: "Wenn er so viel und immer zu spät kommt, dann freut er sich doch gar nicht genauso auf mich wie ich mich auf ihn. Sonst könnte er's doch gar nicht erwarten und würde pünktlich da sein. Sonst wäre es IHM wichtig, nicht nur MIR."
Und dann wird mir zumindest EINE (be)Deutung klar für eine Arbeit von ANGi, die ich heute frühmorgens gesehen habe,....und die man sicher noch mit vielen anderen Beispielen und Assoziationen verknüpfen könnte. Nicht zuletzt auch mit der elementaren Grundregel, welche mir anlässlich einer sich hinziehenden Diskussion vor einigen Jahren durch den Sinn ging. Einer Diskussion über Palliativmedizin, Sterbebegleitung, Umgang mit Patienten, u.a.m. bei einem Symposium in der Alten Oper in Frankfurt zum Thema "Ethik in der Onkologie"...... und bei der ich bei einem anderen, einem medizinischen Referenten und dem mit ihm diskutierenden Publikum denken musste ...........Später entwickelte sich dieser Satz mit manchen anderen Kongressen weiter in Richtung: "Vergeuden Sie nie die Zeit eines todkranken Patienten."Vergeuden Sie nie die Zeit eines Patienten."
Diese beiden Geschichten könnten einem durch den Kopf gehen oder emotional berühren bei ANGis Bild mit dem Titel „Über die Verletzlichkeit der Zeit."
Ich sehe mir das Bild an und denke an die fünfte Dimension. Und Venedig. Und ein Lächeln schleicht sich um meine Mundwinkel als Schmunzeln. Über die Verletzlichkeit der Zeit. Wie ich sie in Venice sehen konnte. Spüren. Hören. Die Zeit ist ein Kosmos für sich. Ihre Verletzlichkeit - und die Verletzlichkeit von etwas ganz anderem, nicht RATIONAL in Dimensionen Messbarem darin, ist die fünfte Dimension darin: DIE allein entscheidende, auf die alle Linien zulaufen, die allen Raum einnimmt, jede Zeit in ihre Schranken jenseits aller Relativität weist und es am Ende der Zeit auf den einen entscheidenden Punkt bringt. Mit der Verletzlichkeit der Zeit findet sie nur einen anderen Namen. Diese unbeschreibbare, die fünfte. Die unvollendete. Unvollendbare. Für die die Zeit immer zu kurz, zu knapp bemessen sein wird. Verletzlich eben, die Zeit, die sie umfassen möchte.




1 Kommentare:
so ein wunderschönes Foto !
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